“Noch kämpfe ich um jede Stimme”

Interview: Christoph Dolle (37) aus Warburg tritt als Kandidat der SPD bei den Europawahlen an

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Der Wahlkampfbulli des Bewerbers macht Station in Warburg: Mischa (v. l.), Tim und Patrick Engelbracht, EU-Parlamentskandidat Christoph Dolle und Micha Heitkamp, Leiter seines Wahlkampfteams. Das Team suchte in der Hansestadt drei Stunden lang Wähler zu Hause auf. FOTO: DIETER SCHOLZ

Warburg. Am Sonntag entscheiden die Menschen in Deutschland darüber, wer für die nächsten fünf Jahre ins Europäische Parlament einzieht. In Nordrhein-Westfalen treten 24 Parteien und Vereinigungen an. Die SPD hat Christoph Dolle für die Europawahl auf Platz 30 ihrer Bundesliste gesetzt. Damit könnte der junge Jurist aus Warburg vielleicht ins Straßburger Parlament einziehen. Dieter Scholz sprach mit dem Kandidaten über Aus- und Ansichten.

Herr Dolle, Sie kommen aus der ostwestfälischen Idylle in die große Europapolitik. Wo liegen Ihre Wurzeln, was bringen Sie mit?

CHRISTOPH DOLLE: Ich glaube, dass ich sehr bodenständig geblieben bin und nehme für mich in Anspruch, sehr nahe an den Menschen zu sein. Ich werde nicht vergessen, wo ich herkomme: aus einem sozialdemokratisch-bürgerlichen Elternhaus. Ich war der Erste in der Familie, der das Abitur machte und studierte. Mein Schwerpunkt im Jura-Studium lag im Völker- und Europarecht, was mich auch in den bisherigen beruflichen Stationen stetig begleitet hat. Meine Familie, insbesondere meine kleine Tochter, sorgen darüber hinaus dafür, dass ich tief in Warburg verwurzelt und auch geerdet bleibe.

Sie stehen bundesweit auf dem Listenplatz 30 ihrer Partei. 20,8 Prozent fuhr die Partei bei der Europawahl vor fünf Jahren ein, bei der Sie ebenfalls antraten. Bisher stellte die SPD 23 Parlamentarier. Künftig wird Deutsch-land nur noch 96 (bisher 99) Abgeordnete nach Straßburg entsenden. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

DOLLE: In den vergangenen Wochen hat die SPD in den Umfragen stetig hinzugewonnen. Auch Martin Schulz als Spitzenkandidat mobilisiert viele Wähler. Viele Menschen haben erst in den letzten Wochen realisiert, dass sie es selbst mitentscheiden können, wer Kommissionspräsident wird. Nach den aktuellen Umfragen fehlt uns in Ostwestfalen-Lippe etwa nur noch ein Prozent zu einem eigenen Mandat. Umso mehr suche ich den direkten Kontakt zu den Wählern und kämpfe um jede Stimme.

Stichwort: Sozialdemokraten in Europa. Wo sehen Sie die Zukunft?

DOLLE: Die Zukunft Europas liegt in den Menschen. Wenn wir es nicht schaffen, aus dem überliberalisierten, marktradikalen Europa des freien Marktes ein Europa des sozialen Ausgleichs und der Teilhabe für die Menschen zu gestalten, werden wir mit dem Europäischen Projekt auf mittlerer Frist scheitern. Wer von den Möglichkeiten dieses Marktes in Europa profitiert, soll sich auch an den Kosten und Pflichten dieses Systems angemessen beteiligen. Wenn Unternehmen dank des europäischen Marktes gutes Geld verdienen, sollen sie auch dort die Steuern zahlen, wo sie ihr Geld verdienen. Wir brauchen klare Regeln auf dem Finanzmarkt und um Steuergerechtigkeit herbeizuführen.

Ein Europa der Solidargemeinschaft und der Sozialpolitik und Themen wie Bildung und Jugendarbeitslosigkeit haben Sie in den Fokus ihres Wahlkampfes gestellt. Sind das die Themen jenseits der Schuldenkrise, für die sich die Bürger interessieren?

DOLLE: Europa sichert seit vielen Jahren den Mitgliedstaaten Frieden und Prosperität. Wenn wir den Blick Richtung Ukraine richten, spüren wir zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder, dass Frieden und Sicherheit nicht selbstverständlich sind und stetig mit bedächtiger Politik und diplomatischem Geschick erkämpft werden müssen. Aber auch der innere Frieden und die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Union sind angesichts sechs Millionen arbeitsloser Jugendlicher ohne Perspektiven gefährdet. Hier brauchen wir beherzte und klare Lösungen.

Welche Eckpunkte stehen für ein soziales Europa?

DOLLE: Der gemeinsame Binnenmarkt war und ist ein sehr respektables Mittel, um den europäischen Völkern Frieden zu bringen. Aber in den vergangenen Jahren haben radikale Kräfte in Europa das Ziel umdefiniert und den Markt zum Selbstzweck erklärt. Wir müssen wieder klarmachen, dass es um die Menschen und ihre soziale Absicherung geht. Wir Sozialdemokraten wollen eine Sozialunion mit klaren Rechten und Pflichten für jeden.

Im Wahlkampf nimmt die aktuelle Situation in der Ukraine einen zentralen Platz ein. Sie waren selbst schon in der Ukraine. Wie sehen Sie die Rolle der EU in dem Konflikt?

DOLLE: Der starke Druck der Europäer, die Ukraine als einen noch nicht gefestigten Staat stärker in westliche Strukturen einzubinden, hat in Russland Reflexe ausgelöst. Die Konsequenzen sind jetzt da. Eindeutig ist, dass Russland völkerrechtswidrig gehandelt hat. Es ist im Interesse Europas, den Gesprächsfaden mit Russland nicht abreißen zu lassen, sondern im Dialog mit den Beteiligten eine demokratische Lösung zu finden.

In 28 Staaten wird in den Tagen vom 22. bis 25. Mai gewählt. Wieso sind Anti-Europa-Populisten derzeit so erfolgreich?

DOLLE: Die Probleme einer Staatengemeinschaft mit 28 Staaten und fast 500 Millionen Einwohnern sind komplex. Angesichts der dramatischen Konsequenzen nach der Finanz- und Wirtschaftskrise sind viele Menschen in persönliche Existenznöte geraten. Insbesondere die rechten Rattenfänger versuchen mit einfachen Parolen, Stimmen zu gewinnen. Aber diese Parolen entbehren jeglicher inhaltlicher Grundlage. Ein Ausstieg aus dem Euro oder der Ausschluss einzelner EU-Staaten wäre der Ausstieg aus dem Friedensprojekt Europa und würde auch wirtschaftlich Deutschland massiv schaden. Denn ein so stark vom Binnenexport abhängiges Land wie Deutschland braucht Absatzmärkte und zuverlässige Handelspartner in Europa. Scheitern die südeuropäischen Mitgliedstaaten, schwankt auch die deutsche Wirtschaft.

Welche Erfahrungen haben Sie im Wahlkampf gemacht?

DOLLE: Ich habe in den vergangenen sechs Monaten einen sehr intensiven Wahlkampf in ganz Ostwestfalen-Lippe gemacht, mit sehr vielen Menschen und Organisationen diskutiert und mir ihre Skepsis und Sorgen angehört. Politik muss wieder transparenter und glaubwürdiger werden. Dazu gehört es eben auch, sich den Menschen zu stellen und ihnen ernsthaft zuzuhören.

Welches Image hat Europa?

DOLLE: Europa ist der Garant für Frieden. Aber Europa muss wieder sozialer und gerechter werden und darf nicht nur den Markt als Selbstzweck sehen.

Was hat Europa der Jugend zu geben?

DOLLE: Vor allem hat Europa die Pflicht, jungen Menschen eine Perspektive und Arbeit zu geben. Europa bietet ihnen eine schier unendliche Entfaltungsmöglichkeit. Wenn man die europäischen Instrumente richtig justiert, kann die Europäische Union den Menschen und gerade der jungen Generation viele Vorteile bringen. Aber es verbergen sich eben auch eine Menge Risiken hinter dem undurchsichtigen Koloss Europa.

Was geben Sie Erstwählern als Tipp mit?

DOLLE: Geht in jedem Fall wählen! Ihr könnt mitentscheiden, wer demnächst Mehrheiten bekommt und in welche Richtung Europa sich verändert. Und darüber hinaus profitieren immer die Falschen von einer nicht abgegebenen Stimme. Wer nicht wählen geht, darf sich nach der Wahl auch nicht über die Ergebnisse beschweren. Außerdem stärkt jede nicht abgegebene Stimme den europafeindlichen und rechten Parteien den Rücken.

Was steht beim Warburger Jungen im Falle der Wahl zum Mandatsträger auf seinem Schreibtisch im Straßburger Büro?

DOLLE: Noch kämpfe ich um jede Stimme, um den Einzug zu schaffen. Sollte das gelingen, wird der Schreibtisch sicher nicht lange leer bleiben. Ein Foto meiner Tochter und eine Karte von Ostwestfalen-Lippe gehören auf jeden Fall dazu.

© 2014 Neue Westfälische
17 – Warburg, Samstag 24. Mai 2014

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